Luzern, 3. September 2026
Public Health und die Schönheit der Komplexität
Public-Health-Fachleute aus Wissenschaft, Praxis und Politik widmeten sich zwei Tage lang dem Thema Komplexität. Dazu gingen sie Fragen nach, wie aus Komplexität innovative Ansätze für die Praxis entstehen und welche Massnahmen für die Politik abgeleitet werden können.
Über 440 Teilnehmende fanden sich an der Universität Luzern für die diesjährige Swiss Public Health Conference ein – ein neuer Besucherrekord. Unter dem Titel «Public Health und die Schönheit der Komplexität» wurde das Spannungsfeld der öffentlichen Gesundheit, das sich an der Schnittstelle von Wissenschaft, Gesellschaft und Politik bewegt, interdisziplinär und aus verschiedenen Perspektiven betrachtet. Die Frage, wie gewonnene Einsichten in konkrete Massnahmen, politische Entscheidungen und innovative Ansätze überführt werden können, die einen messbaren Nutzen für die Gesundheit der Bevölkerung schaffen, wurde dabei stets mitgedacht. Neben wissenschaftlichen Referaten und interdisziplinären Diskussionen griff die Konferenz fünf zentrale Fragen heraus, die den aktuellen Diskurs um die öffentliche Gesundheit prägen.
Was ist Wissen im Bereich der öffentlichen Gesundheit?
Die erste Panel Session ging der Frage nach, was Wissen im Bereich der öffentlichen Gesundheit ist. So existieren unterschiedliche Arten von Wissen – wie akademisches Wissen oder Erfahrungswissen – nebeneinander, was eine Herausforderung für den gesellschaftlichen Diskurs darstellt. Erschwerend kommt hinzu, dass «eine gute Geschichte die härtesten Fakten schlägt», wie die Wissenschaftsjournalistin Katrin Zöfel es formulierte. Darin liegt jedoch auch eine Chance: Wenn sich die Public-Health-Fachleute mit Geschichten auseinandersetzen und darauf einlassen, kann ein Austausch auf Augenhöhe entstehen. Denn Christoph Rehmann-Sutter, ehemaliger Präsident der Nationalen Ethikkommission im Bereich der Humanmedizin, ist überzeugt: Zu Themen wie Tod, Krankheit und Gesundheit können alle Menschen eine Geschichte erzählen und mitreden. Akademisches Wissen lediglich zu erklären, genügt indes nicht, ist Rehmann-Sutter überzeugt: «Das Publikum hört quantitative Botschaften in seinem subjektiven Kontext und füllt diese mit eigener Bedeutung auf.» Diese Diskrepanz zwischen Sinn-Kontext aus Erfahrungswissen und akademischem Wissen spielt im Public-Health-Bereich eine wichtige Rolle. Entscheidend für ein gemeinsames Verständnis ist deshalb, dem Erfahrungswissen im Wissenschaftskontext künftig besser gerecht zu werden.
Die gelebte Erfahrung von Gesundheit
Die zweite Session befasste sich mit der gelebten Erfahrung von Gesundheit. Krankheit ist dabei mehr als nur Symptome: Sie betrifft die Identität, Funktionsfähigkeit und die Suche nach Sinn. In der Runde sass nebst drei Fachleuten auch Mark J. Moser, der als Dozent tätig ist und mit einer chronischen Erkrankung lebt. Schnell drehte sich die Frage um (fehlendes) Vertrauen: Arzt und Leiter der Palliativmedizin des Luzerner Kantonsspitals Beat Müller lehrt seinen Medizinstudierenden jeweils, dass das Ohr das wichtigste Instrument des Mediziners und der Medizinerin sei, sprich das genaue Zuhören. Doch obwohl Ärzt:innen dem aufmerksamen Zuhören eine grosse Bedeutung zumessen, nehmen gemäss Studien viele Patient:innen die Ärzt:innen während der Sprechstunden als beschäftigt wahr, wie Saskia De Gani, Leiterin des Zentrums für Gesundheitskompetenz am Careum einwendete. Im Zentrum stand deshalb auch die Frage, wie sich das Vertrauen der Gesellschaft in das Gesundheitssystem wieder aufbauen lässt. Absolute Transparenz sei dabei nicht unbedingt die Lösung: «Aus sozialer Sicht braucht es Geheimnisse», erklärte Stéphane Cullati, Forscher und Epidemiologe an der Universität Fribourg. Um das Vertrauen zwischen Patient:innen und Ärzteschaft wieder zu stärken, sei auch die Sprache entscheidend, denn sie schafft Realität. «So viel im Sprachgebrauch zu Gesundheit ist gewalttätig», zeigte Mark Moser auf: «Wir sprechen beispielsweise davon, den Krebs ‘zu bekämpfen’. Doch ich bekämpfe meine Krankheit nicht. Ich lebe mit ihr.»
Interprofessionalität als Praxis menschlicher Anerkennung
Die dritte Session, die am zweiten Tag der Konferenz stattfand, befasste sich am Beispiel des ‘Gesundheitsclusters Zentralschweiz’ mit neuen Versorgungsmodellen und zeigte anhand eines realen Fallbeispiels anschaulich auf, wie Zusammenarbeit über Fachgrenzen hinweg gelingen kann. Dabei sind insbesondere die Übergänge von Spital nach Hause eine grosse Herausforderung. Ebenfalls muss das betreuende Umfeld gut mit einbezogen sein. Ein Fazit ist dabei auch: Interprofessionelle Zusammenarbeit kostet Zeit – und hier stösst das System an Grenzen. Neuen Rollen wie jene von Case Managern oder Advanced Practice Nurses kommen deshalb eine wichtige Bedeutung zu, um eine effiziente Koordination zu ermöglichen und dafür zu sorgen, dass gute Gesundheitsversorgung an den Schnittstellen verschiedenster Berufsgruppen entsteht. Zudem sind Fragen rund um die Finanzierung noch nicht gelöst. Es braucht weitere Diskussionen darüber, wie Zusammenarbeit über Fachgrenzen hinweg gelingen kann und welche Dimensionen die gegenseitige Anerkennung unterschiedlicher Formen von Fachwissen hat.
Die Verlockung der Einfachheit: Warum sich mangelhafte Gesundheitsinformationen hartnäckig halten
Die vierte Session wurde von den Doktorierenden der Fakultät für Gesundheitswissenschaften und Medizin der Universität Luzern bestritten, die sich den Vorsitz teilten. Die Session widmete sich der Frage, auf welche Weise Informationen, die wissenschaftlich falsch oder unvollständig sind, trotzdem so häufig überzeugen. Warum sind einfache Gesundheitsbotschaften besonders attraktiv und bleiben haften? Oftmals wird dazu in einem komplexen System lediglich ein Indikator betrachtet und hervorgehoben. Dieser bleibt dann in den Köpfen hängen, ist jedoch meist eine verkürzte Botschaft des komplexeren Sachverhalts. Als Beispiele für solche Gesundheitstipps wurde die Empfehlung, täglich 10'000 Schritte zu gehen, genannt sowie das populäre «Detoxen» oder Entgiften. Die damit verbundenen Botschaften klingen simpel und können gemessen oder relativ einfach durchgeführt werden. Solche Empfehlungen greifen jedoch oft zu kurz und berücksichtigen die individuelle Situation der Person nicht. Nicht jede verkürzte Botschaft ist per se problematisch: Entscheidend ist, ob die Befolgung der Empfehlung schädlich wäre, wie Marcel Zwahlen, emeritierter Professor am Institut für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Bern, ausführt. Während dies im Falle der 10'000 Schritte nicht der Fall sei, wäre bezüglich «Detox» der Griff zu mehr Früchten und Gemüsen die aus gesundheitlicher Sicht richtige Wahl. Zuletzt stellte sich die zentrale Frage, wie nun wiederum Fachleute und Institutionen komplexe Sachverhalte verständlich, wahrheitsgemäss und qualitativ hochwertig vermitteln können, so dass sie hängenbleiben. Dazu wurden verschiedene Strategien diskutiert, beispielsweise die Übernahme eines attraktiven Prinzips, das in einem Gesundheitsmythos verankert ist. Entscheidend dabei ist, den tieferliegenden Grund zu verstehen, weshalb dieser bestimmte Gesundheitsmythos so attraktiv erscheint: Das kann beispielsweise die Befriedigung des Bedürfnisses nach Kontrolle sein oder der klare Aufruf zum Handeln.
Künstliche Intelligenz und die Zukunft der öffentlichen Gesundheit
Die letzte Panel Session beleuchtete Fragen rund um die künstliche Intelligenz und ihre Rolle in der öffentlichen Gesundheit. Was geschieht, wenn Maschinen mitentscheiden, wer gesundheitlich besonders gefährdet ist? Expert:innen aus Ethik, Datenwissenschaft, Public Health und Industrie diskutierten Chancen und Risiken von künstlicher Intelligenz in Prävention und Gesundheitsversorgung. Zentral ist die sogenannte ‘Digital Health Literacy’ (dt: digitale Gesundheitskompetenz) für alle Akteur:innen, also sowohl für Patient:innen als auch für Fachleute im Gesundheitswesen. Als Fallbeispiel wurde der Kardio-Alert auf der Apple Watch vorgestellt, der meldet, falls sich bei der eigenen Herzfrequenz Auffälligkeiten zeigen. Wie darauf reagieren? Nicht nur der Träger oder die Trägerin der Apple Watch muss damit umzugehen wissen, sondern auch die Fachleute müssen einen Alert der Apple Watch einordnen können. In dieser Hinsicht steht für beide Seiten noch viel Bedarf an. Die Diskussion drehte sich auch darum, dass es industrieunabhängige Plattformen braucht. Die aktuelle Marktkonzentration verhindert Innovation sowie Forschung. Denn für letztere ist es unabdingbar, dass die Daten zugänglich sind. KI stellt alle im Gesundheitswesen vor neue Herausforderungen. Hier gilt es noch viel zu lernen. Zum Abschluss wurde auch eine optimistisch stimmende Vision gezeichnet: Im besten Fall kann der Arzt oder die Ärztin oder die betreuende Gesundheitsfachperson durch die künstliche Intelligenz Zeit gewinnen, nämlich wenn der Patient oder die Patientin mit korrekten Vorabklärungen durch die KI kommt. Dann könnten sich die Gesundheitsfachpersonen ganz auf den Menschen konzentrieren, in seiner Einzigartigkeit, seiner Komplexität und seiner Geschichte.
Inspirierender Austausch und eine Fahrt auf dem Vierwaldstättersee
Nebst diesen fünf Panel Sessions bot die Swiss Public Health Conference den Teilnehmer:innen mit zahlreichen Parallel Sessions, Workshops, Poster-Präsentationen, der Auszeichnung der besten PhD-Abstracts, der Verleihung des SPHD-Awards durch die Swiss Public Health Doctors sowie der Verleihung des Best Poster Awards durch Swiss School of Public Health (SSPH+) ein äusserst abwechslungsreiches und inspirierendes Programm. Das Grusswort am zweiten Tag wurde von Michaela Tschuor, Regierungsrätin des Gastgeberkantons Luzern, gehalten und nahm sich dem Thema ‘Komplexität’ in unterschiedlichen Facetten an. Ein besonderes Highlight für die angereisten Teilnehmer:innen stellte die abendliche Schifffahrt samt Abendessen auf dem Vierwaldstättersee dar, bei der sich Luzern bei Sonnenuntergang und vor imposanter Kulisse von seiner schönsten Seite zeigte.